… die Sache mit der Coltrane-Pentatonik


und wie sie in der Regel meiner Ansicht nach falsch interpretiert wird.

Die Pentatonik! Des Gitarristen (meist) liebster Freund. Unzählige legendäre Rockgitarren-Soli wurden damit komponiert, gespielt und improvisiert. Kaum ein Gitarrist, der sich eine E-Gitarre zulegt, fällt nicht irgendwann über die Pentatonik. Und vermutlich ist das Stichwort “Pentatonik” einer der Anführer der Suchmaschinen-Liste!

Ziemlich häufig ist mir aber die Coltrane-Pentatonik im Jahre 2025 in sozialen Medien untergekommen. Allem voran in YouTube!
Die eine Aussage: “Das ist das Fünfton-System, dass Coltrane hauptsächlich in seinen Soli verwendet”. Die zweite Aussage (die für den Musiker komfortablere Variante!): “Die Coltrane-Pentatonik ist die Dur-Pentatonik mit kleiner Terz um einen dorischen Sound über Moll zu erhalten”.

In üblich würde man das als “Tonleiter” so darstellen:




Ich hatte vermutlich zu viel Freizeit, oder zu viele freie Gedanken und ich konnte mich das letzte Jahr nicht damit abfinden, dass Coltrane damals in den 1950ern/1960ern derart “komfortabel” gedacht hat nur um diesen einen ihm zugeschriebenen Jazz-Sound zu erhalten.
Einfach aus dem Grundgedanken heraus, dass Tonleitern an sich keine Musik erzeugen. Keine schöne Melodie-Phrasen, etc. Eine Tonleiter ist schlichtweg eine Ansammlung von Tönen.

Wie hat also Coltrane vermutlich über sein “Spiel-System” gedacht? Wie hat er sich seine Solo-Melodien erschaffen? Das ist die eigentliche Frage, die ich mir als Musiker stellen muss.

Und meine Vermutung ist: Er hat wahrscheinlich niemals an die Pentatonik gedacht.

Er ist mit Bebop-Musik aufgewachsen. Und ich behaupte jetzt elegant, dass die Bebop-Musiker ebenfalls keine Tonleiter (also die Bebop-Skala, wie man uns seit den 1970ern in Büchern erklären will) bewusst gespielt haben.

Es war mehr ein Mix aus:

– “Learn the chord tones!”
– “Use enclosures!”
– “Use a sixth instead of the fifth!”


Kurz übersetzt, für alle, die sich noch nicht mit Jazz beschäftigt haben, oder wollten:

– Lerne mit den Akkordtönen zu spielen (Arpeggios)
– chromatische Umspielen der einzelnen Akkordtöne
– Die Sexte spielen, anstatt dem “farblosen” Fünften.


In Notenbeispielen würde das ganze vereinfacht so aussehen:

Anmerkung zum Umspielen: Es können auch andere Akkordtöne umspielt werden.

Der zweite Farbton: Die None

Ich weiß nun aus der Jazz-Geschichte oder -Wissenschaft nicht, wer der Erste war, der bei Nutzung der Akkordtöne die None (also den 9. Ton, korrektive den 2.) mit eingebunden hat. Der Farbton, der immer eine gewisse Schwebung im Spiel verursacht (man siehe auch Musik der 80er Jahre, z. B. Every breath you Take von Sting and The Police)

Man hatte nun zwei tolle Farbtöne zur Auswahl:


Die Sexte
Die None

Wir müssen ehrlich sein! Die Jazz-Musiker haben das nicht entdeckt. Es gibt viele tolle Stücke in der Romantik, die sich bereits der None bedient haben. Das mit der Sexte wurde meiner Kenntnis nach aber erst von den Blues-Musikern eingeführt. (Wahrscheinlich!)




Aber nun zurück zur Theorie der “Coltrane-Pentatonik”:



Kombinieren wir zwei Zutaten aus der Bebop-Zeit mit der zusätzlichen None am Beispiel von C-Dur.

Allgemeinhin dürfte bekannt sein, dass der Akkord C-Dur aus den Tönen C – E – G besteht.
(Es wird gemunkelt, dass die Musiker damals in der ersten Hälfte des 20 Jhd. in Dreiklängen gedacht haben. Das tun wir hier natürlich auch)

In Notation:



Man füge nun die Sexte und die None hinzu:

Man ordne die Töne nun “tonleitergerecht” und es entsteht eine handelsübliche Dur-Pentatonik in C.

Dazu möchte ich erwähnen, dass die “typische” Jazz-Line, das typische Jazz-Lick nicht wegen oder mit dieser Pentatonik gebildet wird. Dazu aber später mehr.



Moll-Pentatonik im Coltrane-Style



Gleiches kann in Moll gemacht werden. Wir orientieren uns der Einfachheit halber an A-Moll.

Die Akkordtöne des A-Moll-Dreiklanges sind: A – C – E




Man nehme noch die Sexte und die None hinzu:


Wir ordnen das Ganze nun tonleitergerecht:

Es entsteht wie durch ein mathematisches Wunder eine Pentatonik mit kleiner Terz und einer große Sexte.

Anmerkung: Wir erhalten hier tatsächlich einen Klang, den man in der Praxis als “dorisch” bezeichnen würde. Heute. Damals – eher nein.


… aus Sicht des Saxophonisten:


John Coltrane war Saxophonist. Ein Saxophon spielt sich geringfügig anders als eine Gitarre. Dennoch müssen wir eine weitere gedankliche Komponente hinzunehmen, die Coltrane wahrscheinlich hatte und uns beim Gitarrenspiel und Improvisation auf anderen Instrumente hilft.

Bei Betrachtung der zwei Coltrane-Pentatoniken gibt es ein Intervall-Muster. Die Abstände der Töne zueinander.

Hier ergeben sich folgende Intervall-Strukturen:



in Dur:

Funktionstöne: 1 – 2 – 3 – 5 – 6 – 8

Intervallen: 1 – 3 – 5 – 6 – 8 – 9

oder in Intervallen zueinander: 3 – b3 – 2 – b3 – 2


in Moll:

Funktionstöne: 1 – 2 – b3 – 5 – 6 – 8

Intervalle: 1 – b3 – 5 – 6 – 8 – 9

oder in Intervallen zueinander: b3 – 3 – 2 – b3 – 2

… vereinfacht gesagt …

der Fingersatz/das Griffbild des Saxophonist ist relativ simpel. Er kann nur nach oben, oder nach unten spielen. Klappe zu. Klappe auf. Dann selbes Spiel eine Oktave höher, oder tiefer. (Die wahren Saxophonisen mögen mir meine Unkenntnis verzeihen)

Das smarte an diesem System ist, dass es sich verschieben lässt. Es ist anwendbar für jeden Akkord, egal welcher Tonart.

Fazit:

Man erhält zwei stabile Griffmuster/Pattern/Griffbilder, etc., welche man sich als DAS BASIC für sein Solo, seine Improvisationen zurecht legen kann.

Das Interessante dabei – es ist egal welches Melodie-Instrument man nimmt.

Es eröffnet die Möglichkeit weitere Farbtöne hinzuzufügen. Das Tonmaterial durch Halbton-Verschiebungen an “schräge” Akkorde anzupassen.


… zurück zur Musik:

Die eigentlich wichtigste Frage ist, wie kann ich damit jetzt Musik machen? Ohne viele Übungszeit zu investieren? … bestenfalls auch noch so, dass es sich ordentlich nach Melodie anhört.

Eine einfache Übung, die dieses Coltrane System in eine simple Übung verwandelt, könnte so aussehen, dass man den Schnick-Schnack, der es nach Bebop-Jazz (siehe oben) klingen lässt, vorerst weglässt:

(Anmerkung: Diese eine Übung ist eine Anlehnung an ein Konzept von Jerry Bergonzi.)

… man füge nun noch ein Umspielen des Grundtones bzw. der Oktave hinzu:

Man erhält hier schon einen schön in die Richtung “Jazz”-klingende Melodie.

… ein kleiner Rhythmus dazu:

Aus irgendeinem mir nicht bekannten Grund liebten die Jazz-Musiker damals Synkopen bzw. Schwerpunktverschiebungen innerhalb des Taktes. Anders wie bei AC/DC beispielsweise hat man die “Zählzeit 1” nicht um eine Achtel vorgezogen, sondern einfach eine Achtel nach hinten verschoben. Um das dann wieder auszugleichen hat man die darauffolgenden Achtel in eine Triole gezwängt:

… ach komm! Lassen wir das mit dem Grundton am Anfang auch noch weg:

Ein weiterer musikalischer Aspekt war – anders als im Blues! – dass nicht gerne mit dem Grundton gestartet wurde, sondern mit dem starken Ton der Terz.

Das obige Lick wurde, oder wird daraufhin in dieser Art verändert:

Bei Dur wird auf der b3 gestartet. Bei Moll auf der Sekunde.

Man könnte hier natürlich noch unendlich viele Licks, Motive und Melodie-Phrasen aufzeigen, die über die Jahrzehnte entwickelt wurden.
Aber ich möchte ungern die Coltrane-Pentatonik jetzt in die Unkenntlichkeit verzehren.

Unser Gitarristen aller Liebling ist ja die Pentatonik. Und es klingt natürlich schon in jedermann und -fraus Ohr romantisch wenn wir das Wort “Pentatonik” hören und an die geilsten Gitarren-Soli der Welt denken, die wir entweder nachspielen, oder selbst entwickeln.
Ungern möchte ich diese Fantasien jetzt damit stören, dass sich vielleicht Coltrane und viele andere geniale Jazz-Musiker damit einen komplett anderen Ansatz erarbeitet und erschaffen haben.

Bleiben wir einfach dabei:

Die Pentatonik ist auf der Gitarre der heilige Gral. (egal wo sie herkommt!)


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